Archiv für den Monat: April 2016

Mein Hamburg-Marathon 2016

TL;DR – 3:58:22, neue persönliche Bestzeit, unter 4 Stunden im zweiten Marathon, und die zweite Hälfte deutlich schneller als die erste!

Nach einem Training, das sich grob am 3:59-Plan von Steffny orientierte und insgesamt viel zielgerichteter und mit höherem Umfang verlief als das im Vorjahr, fuhr ich sehr optimistisch in den Norden. Ich hatte Hamburg als zweiten Marathon ausgewählt, weil der Zeitpunkt ideal war – spät genug, um im März noch viele Trainingseinheiten nach der Arbeit bei Tageslicht absolvieren zu können, und früh genug, damit es (wahrscheinlich) nicht heiß sein sollte. Außerdem hatte ich schon einiges von der grandiosen Stimmung bei diesem Lauf gehört.

In der letzten Woche machte ich es mir selbst allerdings noch einmal unnötig spannend. Vor dem Marathon-Wochenende war ich bei meinem Cousin in Lübeck zu Besuch, und am Donnerstag mit dessen 11-jährigem Sohn auf dem Bolzplatz. Obwohl ich versuchte, unnötige Sprints zu vermeiden, kam doch einiges an Rennerei zusammen, und das merkte ich noch am Samstag beim letzten lockeren Lauf deutlich in den Beinen. Hinzu kamen noch Rückenschmerzen vom Hotelbett, so dass die Stimmung am Samstag nicht unbedingt die beste war. Erst das Abendessen mit einigen laufbegeisterten Twitterern konnte sie etwas heben.

Dann kam noch die Frage der Kleidung hinzu, der der Sonntag sollte ziemlich kühl und windig werden, was meinen Plan, in kurzer Hose zu laufen, zunichte zu machen drohte. Die lange Hose wollte ich eigentlich nicht anziehen, weil sie bei langen Läufen an der Oberschenkelinnenseite scheuert. Ich entschied mich dann dafür, ein bißchen was zu riskieren und in kurzer Hose zu laufen, was sich als absolut richtig erwies.

Am Sonntag klingelte dann um 6:00 der Wecker und nach einem Frühstück aus Cornflakes, Bananen und süßen Teilchen im Hotel (das netterweise vorbereitet war, obwohl der normale Frühstücksraum wegen Umbauarbeiten geschlossen war) ging es dann mit der U-Bahn zum Start bei den Messehallen. Dort hatte ich dann nach dem Abgeben des Kleiderbeutels noch einiges an Zeit totzuschlagen, was aber wenigstens drinnen im Warmen möglich war. Um 9:00 ging es dann endlich los, ich stand direkt unter dem Fernsehturm im Startblock H in der Kälte, die Sonne schien aber, aber bis es auch für unseren Block losging, vergingen noch weitere 10 Minuten. Der Plan war, erst mal in 5:45 min/km zu laufen und dann auf der zweiten Hälfte etwas zu beschleunigen, um so auf die unter 4h zu kommen. Auf dem ersten Kilometer (5:58) war die Pace auch durch die Masse bestimmt. Dann ging es nach Westen raus, über die Reeperbahn durch Altona und Ottensen bis nach Othmarschen. Der Gegenwind war auf diesem Abschnitt nicht so schlimm wie befürchtet und der fußballgeplagte rechte Oberschenkel machte auch mit. Insgesamt lief ich aber sehr defensiv und so ging Kilometer 5 mit 29:11 (+0:26) durch. Nach dem Wendepunkt ging es dann in mehreren Stufen bergab bis zu den Landungsbrücken (Kilometer 12), ich fühlte mich weiter sehr gut und beschleunigte ganz behutsam, so dass ich bei Kilometer 10 einen kleinen Vorsprung vor dem „Fahrplan“ hatte (57:21, -0:09). Das Highlight auf dem nächsten 5 km-Abschnitt war dann der Tunnel vor dem Hauptbahnhof mit Lichteffekten, Musik und rhythmischem Geklatsche der Läufer. Bei Kilometer 15 (im Tunnel) betrug der „Vorsprung“ schon 28 Sekunden. Danach ging es einmal um die Binnenalster herum, und der linke Schuh drückte plötzlich ziemlich. Ich hielt aber bis zur Halbmarathon-Marke auf der langen, schnurgeraden Sierichstraße durch (2:00:41, -0:39), um direkt danach kurz an den Rand zu gehen und den Schuh neu zu schnüren.

Kurz danach nahm ich das erste Gel ein, es ging nach rechts, um den Stadtpark herum, Kilometer 25 in 2:23:17 (-0:28, also kaum Zeit verloren). Das Wetter verschlechterte sich auf den folgenden Kilometern etwas mit einem ziemlich kalten Wind und auch einigen Regentropfen in Barmbek und bei den hässlichen Büroklötzen in der City Nord fing ich an, nach dem Fernsehturm Ausschau zu halten, unter dem das Ziel lag, aber es war noch kein Turm zu sehen. Ich möchte mich auch bei dem in diesem Abschnitt die Straße überquererenden Zuschauer entschuldigen, den ich unsanft zur Seite schob. Dann folgte aber wieder eine Sonnenlücke, und bei Kilometer 30 stand ich dann sehr gut da (2:51:01, 1:29 unter Plan). Die 3:59:xx rückte in greifbare Nähe und beschloss, ab jetzt auch etwas mehr Risiko einzugehen. Bei Kilometer 33 das zweite Gel, die Stimmung folgte etwa dem Verlauf des Wetters und dem Reiz der Umgebung (jetzt wieder ein Wolkenfeld, öde Gegend, und der Fernsehturm immer noch nicht in Sicht…). Dann meldete sich auch langsam der rechte große Zeh, an dem ich eine bekannte Druckstelle mit einem Plaster abgepolstert hatte, das sich nun langsam abzulösen schien.

Ich rechnete aber stur bei jedem Kilometer die nächste „Soll-Zwischenzeit“ aus, auch um zu testen, wie frisch ich im Kopf noch war, und schaffte es jedesmal, sie etwas zu unterbieten, und mehrmals schob ich das „Soll“ dann nach um eine Minute nach unten. Auf diese Weise flogen die Kilometer 33 bis 39 in 5:30 und weniger dahin. Die Druckstelle lief sich von alleine wieder heraus und im Oberschenkel war eh schon lange alles im grünen Bereich.

Erst in Eppendorf (Kilometer 37) kam dann der verdammte Turm in Sicht, gleichzeitig auch die Sonne wieder heraus, und die Zuschauer am Straßenrand wurden mehr. Über den Klosterstern – ein größerer Platz mit einem Kreisverkehr und viel Stimmung – ging es dann wieder an die Alster herunter im Stadtteil Rotherbaum und ich motivierte mich dann mit dem Gedanken „Die Gegend kennst du schon“ (mein Hotel beim CCC-Kongress 2012 war in der Gegend). Die Schmerzen waren da, aber sie waren von der berechenbaren Sorte. Nach Kilometer 40 (3:46:00, -4:00, juhu!) ging es dann vom Alsterufer wieder zurück auf die Hauptstraße, am Bahnhof Dammtor vorbei über die Ringstraße, der Fernsehturm war jetzt rechts ganz groß, davor noch der Park „Planten un Blomen“ (kannte ich auch schon), dann schon die Karolinenstraße, in der der Start war, jetzt in der umgekehrten Richtung, die U-Bahn-Station, eine letzte Kurve und der rote Teppich. Diesmal ging ich auch mit Hochreißen der Arme ins Ziel – 3:58:22 war das Endergebnis.

Jetzt sind erst mal wieder mehrere Wochen Pause angesagt. Der rechte Fuß beschwert sich gerade etwas, ich hoffe, es ist nichts, weswegen ich noch einen Arzt aufsuchen muss…

 

Kreative Trainingsideen für alle Lebenslagen

Ich weiß nicht, wie es bei euch aussieht, aber bei mir sah das Training für den Hamburg-Marathon (Ziel: unter 4h) etwa wie folgt aus:

  • Sehr, sehr viele Kilometer in 5:50 bis 6:30 pro Kilometer (sowohl die normalen Läufe als auch die langen)
  • Ganz selten mal Intervalle (einmal 3 x 1000m in 5:10, um genau zu sagen) oder ein etwas schnellerer Lauf
  • Ein HM als Formtest, der in 1:52h absolviert wurde, ohne voll am Anschlag zu laufen

Das muss aber nicht sein, und man kann ja auch eine Herausforderung darin sehen, mit möglichst wenig Training möglichst viel Effekt zu erzielen. Hierzu muss man dem Körper aber auch möglichst vielfältige Reize bieten, um unterschiedliche Fähigkeiten, Muskelgruppen usw. zu beanspruchen. Hier sind ein paar Ideen, was ihr im Rahmen eures Lauftrainings alles machen könnt, um mehr Abwechslung hineinzubringen:

  1. Lauf-ABC: Das ist dieses Anfersen, Knie hochziehen, Seitwärtslauf, Hopserlauf, rückwärts laufen usw., was ihr vielleicht – wie ich – ganz selten mal zum Aufwärmen macht.
  2. Ungewöhnliche Intervalle: Wahrscheinlich lauft ihr 500m oder 1000m-Intervalle, wenn ihr auf HM oder 10km traininiert, und vielleicht noch 3000er- oder 5000er-Intervalle für Marathon. Aber warum nicht mal bewusst lange Intervalle machen (4 x 5000m im Rahmen eines langen Laufs), oder ganz kurze (z.B. 10 x 400m oder 20 x 200m)?
  3. Intervalle/Tempolauf in Minuten statt Metern: Es gibt den Cooper-Test, der manchmal benutzt wird, um die Ausdauer von Bewerbern zu messen (z.B. bei Fußballschiedrichtern, 12 Minuten laufen und man misst die zurückgelegte Strecke)
  4. Mach das Trinkspiel zum Sprintspiel: In einem meiner Podcasts fällt bemerkenswert oft das Wort „bemerkenswert“. Anstatt jedes Mal einen Schnaps zu trinken, kann man da auch einen Zwischenspurt einlegen. Oder bei einer Fußballübertragung im Radio, wenn ein bestimmter Spieler erwähnt wird. Oder man macht sich eine Playlist mit Loop und zufälliger Reihenfolge und sprintet bei einem bestimmten Lied…
  5. Kurz- und Mittelstrecke: Warum nicht mal wieder die eigene Bestzeit über 800, 1000 oder 2000 Meter ermitteln? Bei mir war das zuletzt im Schulsport.
  6. Bewusst langsam: Warum nicht mal bewusst 7:00 min/km oder langsamer laufen? Vor allem zu Regenerationszwecken.
  7. Gehen: Klingt verrückt, aber einen flotten Spaziergang oder eine Wanderung als Lauf-Workout in eurem Trainingstagebuch zu erfassen, kann die Motivation hochhalten, wenn ihr (leicht) krank oder verletzt seid und nicht „richtig“ laufen könnt.
  8. Kombi-Training: Laufen und direkt davor oder danach z.B. Schwimmen oder Radfahren. Wer Triathlon macht, kennt das.
  9. Duo-Training: Mit Partner/Partnerin abwechselnd laufen und mit dem Rad nebenher fahren.
  10. Der gute alte Trimm-Dich-Pfad: Laufen und zwischendurch Übungen für Kraft oder Beweglichkeit.
  11. Hügelsprints: Einen kleinen Anstieg, den man ein paar Mal volle Kanne hochrennt, findet man fast überall, z.B. eine Fußgängerbrücke.
  12. Treppenlauf: In manchen Städten (z.B. Stuttgart) gibt es lange Treppenanlagen, mit denen man einen großen Höhenunterschied überwindet. Oder man sucht sich ein hohes Gebäude oder einen Turm, in dem man das Treppenhaus betreten kann (bis man dort für bekloppt erklärt wird :-))
  13. Höhentraining: Im Alpen-Urlaub mal eine Trainingseinheit auf 1500 oder 2000 Metern machen. Das Trainingsmittel der Profis.
  14. Parkour: Über Hindernisse im urbanen Raum hinwegspringen oder -klettern. Das Jump&Run-Spiel in echt! Vorsicht, Verletzungsgefahr! (und vielleicht nicht gleich mit dem Mercedes eures Nachbarn ausprobieren :-))
  15. Mit Gewicht: Gewichtswesten findet man in gutsortierten Sportartikelgeschäften. Gerade bei Läufen bergauf kann man damit den Schwierigkeitsgrad noch erhöhen. Ich habe auch schon von Triathleten gehört, die als Training alte Autoreifen hinter sich herziehen…
  16. Weg zur Arbeit laufen: Mit etwas Logistik (Wechselkleidung bereithalten oder im Rucksack mitnehmen) und Duschen am Arbeitsort vielleicht mal eine Überlegung wert, wenn es eine hübsche Strecke gibt. Und ihr spart damit auch Zeit!
  17. Ungewöhnliche Tageszeiten: Abends laufen, wenn ihr normalerweise morgens unterwegs seid, und umgekehrt. Oder vor dem Frühstück (habe ich einmal letztes Jahr in Berlin gemacht, als ich schon früh wach war, es im Hotel aber erst ab 7:30 Uhr Frühstück gab) – raus aus der Komfortzone!
  18. Natural Running/Barfußschuhe: Es gibt Schuhe, die kaum mehr sind als eine Art Socke aus dickem Gummi und das Barfußlaufen simulieren sollen. Ich habe das noch nie ausprobiert, aber es soll ganz andere Muskeln und Sehnen trainieren und andere wiederum entlasten (weshalb man auch sehr vorsichtig und mit kurzen Strecken anfangen sollte)
  19. Tatsächlich barfuß: In Enderndorf (am Brombachsee) gibt es einen Barfuß-Wanderweg mit verschiedenen Materialien, die sich unterschiedlich anfühlen (z.B. Glas, das aussieht wie Glasscherben, aber nicht scharfkantig ist). Wir haben das vor vielen Jahren mal als Betriebsausflug gemacht. Großartig natürlich auch am Strand.
  20. Aqua-Jogging: Großartig in der Rehabiliation nach Verletzungen

Dann gibt es noch Veranstaltungen, die etwas Abwechslung schaffen:

  • Crosslauf mit Schnee, Eis und Matsch im Winter trainiert die mentale Härte und zwingt euch zu einem anderen Laufstil als dem gewohnten.
  • Berglauf und Treppenlauf – siehe oben. Es gibt z.B. den SkyRun auf den Messeturm in Frankfurt.
  • Hindernislauf ist ja ziemlich im Kommen. Egal ob Tough Mudder, Strongman Run oder Braveheart Battle – irgendwann im Jahr gibt es sicher auch eine Veranstaltung in eurer Nähe. Die meisten Hindernisläufe sind als Team-Event gedacht, bei dem man sich gegenseitig hilft, über die Strecke zu kommen.
  • Orientierungslauf – Laufen und dabei Punkte auf einer Karte in einer einer bestimmten Reihenfolge aufsuchen. Habe ich schon zweimal gemacht.
  • Ultralauf – Wer Marathon schafft, schafft auch 50 Kilometer – notfalls eben im langsamen Tempo oder mit etwas Gehen zwischendurch. Wenn es mich eines Tages mal nach Südafrika verschlagen sollte, möchte ich den Two Oceans Marathon in Kapstadt in traumhafter Landschaft laufen (56 km). Eher eine mentale Herausforderung ist der 6-Stunden-Lauf, der jedes Jahr in Nürnberg stattfindet (viele, viele Runden um die Wöhrder Wiese…)